PRIDEBLOG Babyn Jar, ein Autounfall und sehr glückliche Aktivist*innen

Die Münchner*innen sind wieder in Kyiw. Zum sechsten Mal nun schon unterstützen wir, Lesben und Schwule aus der Münchner Community, Trans* und Bi*, unsere Freundinnen und Freunde vor Ort. Die haben in diesem Jahr Großes vor mit einer Pride Week, die länger denn je und reich an bunten, kreativen und lehrreichen Events ist. Sie zeigen Filme, diskutieren, unterrichten und Partys gibt es auch, klar! Der Pride March soll in diesem Jahr um die 5000 Menschen in die Kapitale locken. Wir Münchnerinnen und Münchner machen mit und beteiligen uns unter anderem mit einem T-Shirt-Workshop am Kulturprogramm. „Ein Land für alle“, lautet die Botschaft des diesjährigen KyivPride. Oder anders: Minderheitenrechte sind Menschenrechte und gut fürs ganze Land!

Samstag, der 17. Juni. Der Tag vor dem Pride. Aufregung, Vorfreude, Unsicherheit, Zweifel, Zuversicht – mittlerweile Routine. Aber was heißt schon Routine in einem Land, in dem in ‚ruhigen Wochen‘ zirka zwei bis drei Soldaten an der Front sterben, während wochenends die Prachtstraße Khreschatyk farbenfroh beleuchtet wird. Wahrlich: Sie braucht den Vergleich mit europäischen Boulevards von Rang nicht zu scheuen. Normalität auf ukrainisch.

Aber von Anfang an: Der Tag beginnt mit einer LSBTI-Stadtführung. Sascha, die uns – obwohl zum allerersten Mal – sehr eloquent durch die spannende Geschichte der Lesben-, Schwulen-, Bi*-, Trans* und Inter*-Geschichte der Stadt leitet, entschuldigt sich gleich vorab. Leider sei nur sehr wenig zur LSBTI-Szene publiziert worden, sodass sie sich zum Teil auf Einzelaussagen stützen muss. Aber ist das verwunderlich in einem Land, in dem Homosexualität erst 1991 entkriminalisiert wurde? Zumal das Beispiel der Gedenkstätte Babyn Jar zeigt, dass die zum Teil noch unaufgearbeitete Geschichte der Opfer heute politisch (wieder/immer noch) instrumentalisiert wird. Babyn Jar – in der Schlucht haben die Nazis Tausende Menschen abgeschlachtet und verscharrt.

Carcrash an historischem Ort

Aber auch Munich Kyiv Queer ist Teil der Geschichte der hiesigen LSBTI-Bewegung. Wir werden an die Orte der Prides 2013 und 2015 gefahren. Schöne, grüne, unscheinbare Boulevards außerhalb der Stadt – damals für uns und die Aktivist*innen der Nabel der Welt. So viel Erinnerungen – negative wie positive. Schwelgen in Erinnerung. Lydia Dietrich, die traditionell die Münchner Delegation in Kyiw anleitet, berichtet als Zeitzeugin. Gerade an der Stelle, an der 2015 so viel schief gegangen war – unsere Gruppe stand gewaltbereiten Rechten gegenüber – rammt unser Bus ein Auto. Schlechtes Karma. Nach einem Kaffee geht’s weiter Richtung Innenstadt. Von schwulen Tänzern und Politikern berichtet Sascha, von Straßenabschnitten und Cafés, in denen sich die Schwulen trafen – damals im russischen Zarenreich.

Nach dem Essen gibt’s eine kleine Verschnaufpause. Naomi Lawrences und Yuri Yourskis Workshop „Happy Activists“, beide sind sie Mitglieder von Munich Kyiv Queer, beginnt erst um 15 Uhr im Pride House. Also noch Zeit, um mit den Aktivist*innen aus der Ukraine zu sprechen – Networking, Vertiefen der Kontakte oder einfach nur Smalltalk bei einer Zigarette.

‚Wie verpacke ich meine Botschaft am Besten, um die Menschen mit meinen (LSBTI-)Themen zu erreichen?“ ist das Thema des Workshops. Es geht um Körpersprache, um Lächeln, um positive, witzige Aspekte, um Interesse füreinander und um Motivation bei der Arbeit für Menschenrechte. Engagement soll Freude machen und befriedigen. Praktisch wird das gleich umgesetzt, indem die Teilnehmer ihre T-Shirts für den Pride selbst gestalten. Und wie viel Kreativität da zu Tage tritt- es ist erstaunlich. Auch das Filmteam der Süddeutschen Zeitung ist beeindruckt.

Smalltalk im verschwitzten T-Shirt

Dann müssen wir aber mit fliegenden Fahnen ins Taxi springen. In der Residenz des kanadischen Botschafters findet um 17 Uhr die Sicherheitseinweisung und das Networking für die internationalen Delegationen statt. Was für ein Unterschied zu den Tagen davor; feine Häppchen, Damen in Kostüm, Champagner, Herren im Anzug. Ich im verschwitzten T-Shirt – es war schwül in Kyiw. Kommt das Gewitter? Erfrischung? Omen? Im Augenblick bin ich nicht richtig hier. Kein Nerv für Kanapees und Smalltalk. Der Blick in die Augen der Aktivist*innen sagt das Selbe. Und dennoch sind wir hier. Weil die internationale Solidarität so unendlich wichtig ist, damit die Bewegung überlebt. Und natürlich auch: Weil die Kanadier*innen vorbildliche Gastgeber*innen sind.

Der Abend endet bei ‚Katjuscha‘ am Bessarabski-Markt. Wie so oft. Gute Stimmung, interessante Gespräche, Aufregung, Vorfreude, Unsicherheit, Zweifel, Zuversicht. Spaziergang über den Khreschatyk .

Sonntagmorgen, 18. Juni. ‚Rien de va plus‘ – nichts geht mehr. Die Akteur*innen sind da und vorbereitet. Vorbereitet für die 1,2 Kilometer, die uns jetzt alles bedeuten. Dafür kämpfen wir. Für die Freiheit zu laufen.

(Stefan Block)

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