PRIDEBLOG Regenbogenfamilien, Donald Trump, Blitzhochzeit am Asowschen Meer und die üblichen Drohungen zum KyivPride

Die Münchner*innen sind wieder in Kyiw. Zum sechsten Mal nun schon unterstützen wir, Lesben und Schwule aus der Münchner Community, Trans* und Bi* unsere Freundinnen und Freunde vor Ort. Die haben in diesem Jahr Großes vor, auch wenn die Umstände widrig sind, mit einer Pride Week, die länger denn je und reich an bunten, kreativen und lehrreichen Events ist. Sie zeigen Filme, diskutieren, unterrichten und Partys gibt es auch, klar! Der Pride March soll in diesem Jahr um die 5000 Menschen in die Kapitale locken. Wir Münchnerinnen und Münchner machen mit und beteiligen uns unter anderem mit einem T-Shirt-Workshop am Kulturprogramm. „Ein Land für alle“, lautet die Botschaft des diesjährigen KyivPride. Oder anders: Minderheitenrechte sind Menschenrechte und gut fürs ganze Land!

Mittwoch, 14. Juni. Die Eröffnung der Pride-Week gestern Abend ist noch nicht ganz verdaut. So viele Eindrücke, so viele Menschen. Es werden definitiv mehr Leute, die sich engagieren. Jung sind sie, voller Ideen und sie sprechen immer häufiger Englisch. Aber: Wir sind immer noch in der Ukraine. Dem Land, in dem persönliche Ansichten und Meinungsverschiedenheiten zu scheinbar nur schwer heilbaren Spaltungen in der Community geführt haben. Wobei: Ist das in Deutschland denn so viel besser? Gibt es nicht auch in München Personen und Organisationen, die nicht miteinander können oder wollen? Muss da die Sache nicht immer wieder in den Vordergrund gerückt werden, um gemeinsam voran zu kommen? Sind wir da wirklich immer schlauer? Das sind auch so die Gedanken, die mir kommen auf unserem – mal wieder etwas verspätetem – Spaziergang zu LIGA. Einer LSBTI-Organisation, die ihren Arbeitsschwerpunkt im Süden des Landes hat, nämlich in Odessa, Cherson, Mykolajiw.

Wie hat sich aber die Ukraine verwandelt! Wir werden gefragt, ob wir lieber auf Englisch oder Russisch diskutieren möchten – undenkbar vor wenigen Jahren. Auf einmal können alle Englisch. Quasi über Nacht. Eine andere Generation. Wir machen es uns in dem zehn Quadratmeter Hauptstadt-Büro von LIGA gemütlich. Jana, Irina und Vlad empfangen uns herzlich. Sie berichten von der Arbeit, von Arbeit mit Teenagern, Schulen, Psycholog*innen und Lehrer*innen, von Elterninitiativen, von Polizei-Schulungen, von Filmen und Theater, von HIV-, Hepatitis- und Syphilis-Prävention – das alles gehört zum Spektrum, das LIGA mit etwa 17 Mitarbeitenden plus Freiwilligen abdeckt.

Die Kooperation mit München ist willkommen!

Besonders intensiv ist die Diskussion zu Teenagern und Schule – vielleicht ein guter Ansatz zum Austausch mit München. Wir haben da ja einige eigene Initiativen zu bieten wie das Aufklärungsprojekt. Gleichzeitig ist auch hier das Problem zu lösen, wie man mit der zurückgehenden Förderung durch das Ausland umgehen soll. Ideen gibt’s genug – nur leider kein Geld aus dem eigenen Land. Aber unser Angebot zur Kontaktvermittlung nach München wird dankbar aufgenommen. LIGA experimentiere gerne mit neuen Projekten und viele Schritte seien unklar, so Irina, da hilft es sicher, wenn man die Münchener*innen mal fragen kann – wie macht Diversity das, unser LGBT-Jugendzentrum? Oder eben das Aufklärungsprojekt für die Schulen?

Leider müssen wir nach eineinhalb interessanten Stunden schon wieder weiter. Herzlich werden wir auch verabschiedet mit kleinen Geschenken und einem Gruppenbild. Gerne können wir wieder kommen. Das werden wir auch!

Auf ins hippe, LSBTI-freundliche Druzi-Café. Sind wir noch in Kyiw??? Das könnte genau so in München aussehen – irgendwo im Glockenbachviertel. Hier treffen wir Inga Pylypchuk, die freie Journalistin ist, halb in Berlin und halb in Kyiw lebt. Da wird natürlich als erstes über die persönliche Motivation gesprochen. Auch wir erklären, wie jeder einzelne zur Gruppe kam.

Diese Treffen mit Journalisten sind für mich immer besonders wertvoll. Sie haben oft einen super Überblick zu all den Themen, die gerade aktuell sind; wie geht’s dem Land politisch, kulturell, wirtschaftlich. Inga ist sehr gut informiert und vernetzt. Das ermöglicht eine breitere Sicht auf das Land, als es die Beschränkung auf LSBTI erlaubt. Außerdem ist es wichtig, um die Aussagen unserer Partner*innen vor Ort einzuordnen.

Blitzhochzeiten am Asowschen Meer

Die Ukraine ist im Wandel; viele Themen werden seit dem Maidan und der Krise mit Russland offener diskutiert. Die Menschen werden politischer. Man interessiert sich mehr füreinander. Man redet. Das ist eine Entwicklung, die gerade Minderheiten zugute kommt. Gleichzeitig werden die patriotischen Strömungen sichtbarer. Kann und soll die Szene sich hier anschließen? Inga berichtet aber auch, dass es schwerer geworden ist, das Thema Ukraine in den Medien zu platzieren, zu komplex. Flüchtlingskrise und Donald Trump seien für die deutschen Medien jetzt relevanter. Daher war sie besonders froh, dass einer ihrer Artikel über Blitzhochzeiten in Mariupol gerade veröffentlicht wurde.

Nun, wieder in meiner Wohnung, muss ich die Eindrücke wirken lassen. Schreiben hilft. Denken auch.

Abends werden wir uns sicher noch mit den Neuankömmlingen treffen. Heute kommen drei Leute aus München an, die noch nie beim KyivPride waren. Wir freuen uns! Essen, Lagebesprechung – irgendwie schon fast Routine. Alltag in einer sich permanent wandelnden Umgebung. Doch die Anspannung vor dem Marsch bleibt. Auch das Routine. Vor allem, wenn wir über Facebook mitkriegen, dass sich wieder verschiedene rechte Gruppen ankündigen, die den Pride-Marsch am Sonntag blockieren wollen.

Warten wir’s ab. Ich schaue aus dem Fenster und genieße den Platzregen, der etwas Erfrischung bringt.

(Stefan Block)

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