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PRIDEBLOG Ein schöner Tag

08.06.2016 | cb — Keine Kommentare
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Die Münchner*innen sind wieder in Kyiw. Zum fünften Mal nun schon unterstützen wir, Lesben und Schwule aus der Münchner Community, unsere Freundinnen und Freunde vor Ort. Die haben in diesem Jahr einen wunderbaren Pride organisiert, mit einer Pride Week, die reich an bunten, kreativen und lehrreichen Events ist. Und einen Pride March, der so viel Unterstützung aus allen Schichten der Gesellschaft erfährt, dass man getrost von einer Zeitenwende sprechen kann. Im Fernsehen und in den U-Bahnen läuft eine Kampagne pro Pride, viele Politikerinnen und Politiker, Künstler*innen, Blogger, ja Soldaten stehen für Menschenrechte ein, die Gegner sind schwach. Wir Münchnerinnen und Münchner haben unseren Anteil an diesem Erfolg; wir beteiligen uns auch am Kulturprogramm. “Unsere persönliche Sicherheit dient der Entwicklung des Landes” lautet grob übersetzt die Botschaft des diesjährigen KyivPride. Oder anders: Alles wird gut!

Es ist frisch geworden in Kyiw, aber zwischen den Wolken scheint immer wieder die Sonne durch. Überhaupt, den Himmel über Kyiw fand ich schon immer ganz besonders. Es gibt so viel Monumentales in der Stadt und der Himmel bemüht sich nach Kräften, die passende Kulisse dazu zu liefern.

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Heute treffe ich Marina aus Kherson um 10 Uhr im Queer Home. Sie betreut ehrenamtlich eine Gruppe von Volunteers, die helfen wollen, Schilder und Transparente für den Pride zu malen. Yuri Yourski, der Programmdirektor unseres Kooperationspartners Gay Alliance Ukraine, hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, dabei zu sein und die Vorbereitungen zu unterstützen. Natürlich will ich.

Auf dem Weg verlaufe ich mich trotz Google Maps ein bisschen. Nicht schlimm, im Gegenteil, so entdecke ich einige neue, schöne Ecken in Kyiw.

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Zum Glück hat Ania Shapiro, die auch Mitfrau bei Munich Kyiv Queer ist, angeboten, bei der Verständigung zu helfen, denn Marina und ich wären sonst auf Hände und Füße angewiesen. Wir beide sprechen kein Englisch bzw. Russisch, Ania schon. Auch jemand vom Organisationskomitee des KyivPride ist gekommen. Ich mache Vorschläge, wie wir unsere Botschaften visuell möglichst gut vermitteln können. Je einfacher und klarer desto besser. Optisch wie inhaltlich. Wir sind uns schnell einig: Die Parole lautet „Sicherheit für alle“.

Das klingt untypisch für eine LGBTIQ-Demo. Keine Forderungen nach Gleichberechtigung und Gesetzesänderungen. Aber so ist die Situation momentan. Sicherheit für Leib und Leben ist ein hohes Gut in einem Land, das sich im Krieg befindet. Für die Community allemal, denn der Rechte Sektor, die christlichen Fundamentalisten und Russland blasen ins selbe Horn, wenn es darum geht, LGBTQI für alles, was schlecht läuft, verantwortlich zu machen. Aber seit Russlands Propaganda behauptet, dass die Ukrainer russische Kinder töten und deren Blut trinken, merken die Ukrainer, wie es ist, Ziel einer Hetzkampagne zu sein. Es verändert sich etwas in den Köpfen.

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Um 11 Uhr kommt die Gruppe Volontäre. Ich bin überrascht, denn sie kommen aus verschiedenen Teilen der Ukraine und aus dem europäischen Ausland. Wie sich herausstellt, werden sie von der internationalen Organisation S.C.I. unterstützt. Deren Schwerpunkte sind Freiwilligenarbeit für Frieden, gewaltfreie Konfliktlösung, soziale Gerechtigkeit, nachhaltige Entwicklung und interkultureller Austausch.

Sie wollen etwas tun und setzen bereitwillig unsere Ideen um. Sie sind nicht Teil der LGBTI-Community, deshalb bin ich erstmal verwundert, dass sie uns helfen. Aber Yana aus der Gruppe erklärt mir, dass das das Konzept von S.C.I. ist. Verständigung durch Kennenlernen, gemeinsames Arbeiten und gemeinsame Erfahrungen.

Die jungen Leute sind der Beweis dafür, dass dieses Konzept funktioniert. Sie haben offensichtlich Spaß bei der Arbeit, denn zwischendurch gibt es immer wieder ein paar Tanzeinlagen.

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Gegen 15 Uhr ist alles fertig. Die Schilder sind super geworden. „Sicherheit für alle“ heißt auf Ukrainisch ‚“Безпека для всіх“. Die Idee war, das Wort Sicherheit sehr groß zu schreiben, so dass alle es lesen können. Also kommt ein Buchstabe auf ein Plakat und wir haben sieben Leute, die diese Schilder in der richtigen Reihenfolge tragen werden. „Für alle“ hat auch sieben Buchstaben. Und diese werden auf der Rückseite stehen. Wir werden eine Choreographie einüben, so dass auf ein Kommando hin die Schilder gleichzeitig umgedreht werden. Das soll während des ganzen Marsches passieren. Es ist ein gute Idee, denn die Größe und die Bewegung der Bilder erzeugen Aufmerksamkeit.

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Danach laufe ich zurück zu meinem Appartement, das ich mir mit meinem Kollegen Stefan teile, Stefan Block von Munich Kyiv Queer. Das ist inzwischen schon Tradition, bereits zum dritten Mal gründen wir in Kyiw eine WG. Meistens in der Nähe vom Maidan. Es ist jedes mal wieder spannend, wie unterschiedlich die Wohnungen und die Häuser sind, in denen wir leben.

Ich koche mir etwas zu essen und bin froh, mich ein bisschen ausruhen zu können. Aber nicht allzu lange, denn mein Bericht über die Creative Protest Tour in Krivyi Rih ist überfällig.

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Das Treffen mit Anna Dovgopol von der Heinrich Böll Stiftung habe ich leider verpasst, denn das war um 14 Uhr. Aber Stefan erzählt mir davon. Es war wieder sehr informativ. Auch das Treffen mit Anna Dovgopol hat inzwischen Tradition. Sie informiert uns über die Lage im Land und versorgt uns mit Hintergrundwissen. Diesmal war das Treffen wohl ausgelassener und entspannter als sonst. Die Hoffnung auf einen friedlichen Pride hat überall spürbare Auswirkungen. Und diese Hoffnung ist begründet, denn zum ersten Mal kooperiert die Polizei wirklich mit dem Organisationsteam des Pride. Prominente zeigen offen ihre Solidarität und fünf Mitglieder des ukrainischen Parlaments werden am Marsch teilnehmen. Es gibt sogar eine Kampagne für den Pride, die in den Leuchtkästen der U-Bahn hängt. Das war noch nie da.

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Später beim Essen in einem georgischen Restaurant erzählt unser Stas, Stanislav Mishchenko, Mitglied im Organisationskomitee des KyivPride, dass das ganze Land weiß, dass am Sonntag der Pride in Kyiw stattfindet. Die Tatsache, dass die Ukraine den Eurovision Song Contest gewonnen hat und nächstes Jahr dieses riesige Spektakel ausrichten wird, ist sicherlich eine glückliche Fügung des Schicksals für uns. Die Ukraine muss beweisen, dass sie das leisten kann: „Sicherheit für alle!“

[Naomi Lawrence]

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