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BLOG CREATIVE PROTEST ON TOUR Odessa

30.05.2016 | cb
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Auf Einladung der Gay Alliance Ukraine sind sie unterwegs, um Politik zu machen, Politik mit einfachen, kreativen Mitteln, die nicht teuer sind und Spaß machen. Naomi Lawrence, Künstlerin aus München, hat das Konzept dafür entwickelt, für die Creative Protest Workshops, die erstmals auf Tour gehen durch die Queer Homes der Ukraine. Die Queer Homes – das sind Kultur- und Kommunikationszentren für LGBTIQ, die die Gay Alliance Ukraine im ganzen Land betreibt. Begleitet wird Naomi von Ania Shapiro, einer amerikanischen Menschenrechtsaktivistin aus Berlin, die wie Naomi Lawrence Teil von Munich Kyiv Queer ist. Mila und Vera, zwei ukrainische Filmemacherinnen, zeichnen das Ganze mit ihrer Kamera auf. Am Ende soll ein Dokumentarfilm entstehen. Ein deutsch-ukrainisches Gemeinschaftsprojekt, eine Herzensangelegenheit für alle.

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Eigentlich hatte ich nicht erwartet, so bald wieder in Odessa zu sein. Bei meinem letzten Aufenthalt zum Pride im August 2015, war die Stimmung ganz anders, sehr angespannt und explosiv. Diesmal spüre ich wieder die wunderbar entspannte, mediterrane Atmosphäre in Odessa, die ich mit dieser wunderschönen, maroden Hafenstadt verbinde. Arm, aber sexy.

Alles läuft wie am Schnürchen: Das ganze Team der Creative Protest Tour ist in einem schönen Hotel untergebracht. Ania Shapiro, unsere amerikanische  Menschenrechtsaktivistin aus Berlin, Mila und Vera, die erfahrenen Filmemacherinnen aus Kyiw, Vitali, Koordinator des Queer Home in Shytomyr und ich selbst, Naomi Lawrence. Die CP Tour wird dokumentiert, wir wollen sichtbar machen, was in der Ukraine passiert. Dass trotz Krieg und wirtschaftlicher Misere der Kampf um Menschenrechte weitergeht. Denn wo es keinen Schutz für Minderheiten gibt, gibt es letztlich für niemanden Sicherheit. Und ohne Sicherheit kann kein Land gedeihen, gesellschaftlich nicht aber auch wirtschaftlich nicht.

Als wir am nächsten Tag bei strömendem Regen im Queer Home eintreffen, wo der Creativ Protest Workshop stattfinden soll, ist alles bestens vorbereitet.

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Zu meiner Begeisterung kommen noch mehr als die angemeldeten neun Leute. Der Workshop läuft bestens. Die Teilnehmer*innen sind aufmerksam und konzentriert. Beinahe ohne Unterbrechung von 13 Uhr bis 19 Uhr hören sie aufmerksam zu, diskutieren und entwickeln Ideen. Am Ende sind wir aufgekratzt, wir wollen Botschaften an Kyiw senden und sichtbar machen, dass der KyivPride die ganze Ukraine betrifft.

Obwohl der Workshop lang und anstrengend war, ist es keine Frage, dass alle am nächsten Tag wieder kommen, um an den Flashmobs teilzunehmen.

Odessa meint es gut mit uns. Der neue Tag begrüßt uns mit einem strahlend blauen Himmel und der für diese Stadt so typischen Hitze. Keine Sorgen mehr wegen der empfindlichen Kameras und Mikrofone.

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Das Motto des KyivPride lautet dieses Jahr: „Безпека людини – розвиток країни“, etwa: „Die Sicherheit der Menschen dient der Entwicklung des Landes“.

Das klingt erstmal nicht spektakulär, doch letzten Endes bedeutet das für die LGBTIQ-Community in der Ukraine, es geht ums Eingemachte. Keine politischen Forderungen mehr nach Gleichberechtigung, sondern existenzielle Bedürfnisse.

Die Ukraine befindet sich im Krieg. Für alle Menschen, aber insbesondere die LGBTIQ-Community hat sich die Lage verschlechtert. Für diesen Wunsch haben wir ein ebenso einfaches, wie schönes Symbol gefunden: einen Regenschirm in den Farben des Regenbogens. Schutz und Vielfalt in einem. Diesen Regenschirm werden wir als Reisegruppe getarnt in aller Öffentlichkeit an verschiedenen Denkmälern und historischen Orten platzieren.

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In Deutschland würden wir uns keine Gedanken über so ein Happening machen. Aber in der Ukraine ist das Regenbogensymbol „dank“ der Negativ-Propaganda von Russland inzwischen sehr bekannt und negativ konnotiert. Menschen, die erkennbar LGBTIQ sind, werden zur Zielscheibe für Aggressionen.

Aber wir sind gut vorbereitet. Wir wissen, wie wir uns verhalten, falls wir auf aggressive oder gewaltbereite Menschen treffen: Ruhig, höflich und deeskalierend.

„We’re nice people!“, ist unsere Devise. Unsere Ziele für den Tag sind klar gesetzt: Wir wollen eine solidarische Botschaft nach Kyiw senden und: „We want to have fun!“

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Also ziehen wir zu zehnt los mit unserem Regenbogenschirm, unserem Rainbow-Tours-Schild und unserem drei Meter langen Verlängerungsstab für hohe Statuen.

Viktor ist unser Tour Guide, fast ohne Unterbrechung erzählt er fröhlich Geschichten über Odessa, die teils wahr, teils frei erfunden sind. Hauptsache reden. Auch als zwei junge Männer auf uns zu kommen und skeptisch fragen was Rainbow Tours sei, lässt er sich nicht aus dem Konzept bringen. Ja, wir machen Fotos für das Unternehmen Rainbow Tours. Wir besuchen mit dem Regenschirm bekannte Plätze und machen Fotos, denn sie möchten wissen, wo wir überall waren. Sie sind verwundert aber bleiben freundlich. Gut für uns.

Giora, der schon für den Pride letztes Jahr die historische Sightseeing Tour geplant hatte, hat die Runde vorbereitet. Und so ziehen wir im Herzen Odessas von einer Touristenattraktion zur anderen und platzieren unseren Schirm mit Hilfe unseres Verlängerungsstabes in den Händen vieler verschiedener Statuen, die scheinbar nur darauf gewartet haben, ihn halten zu dürfen. Allen tut dieser Farbklecks sichtbar gut. Niemand stört uns, man lässt uns gewähren, als ob Rainbow Tours eine ganz normale Reisegruppe wäre und auch das Anbringen eines Schirms an Statuen in der Ukraine ganz alltäglich wäre.

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Der Höhepunkt ist natürlich die Statue des Duke von Armand Emmanuel du Plessis, duc de Richelieu, der über die Potemkinsche Treppe hinab auf den Hafen und hinaus aufs Meer blickt. Dies ist die bekannteste Sehenswürdigkeit Odessas mit der höchsten Touristendichte. Hier fanden auch letztes Jahr Flashmobs statt, nachdem der Pride verboten worden war. Damals war überall Miliz. Aber dieses Jahr ist alles friedlich. Unbehelligt bringen wir unseren Regenschirm an und posen ein bisschen. Dann machen wir noch ein Gruppenfoto auf den Stufen und weil sogar das Wetter auf unserer Seite ist öffnet sich danach wie auf Kommando der Himmel und ein Wolkenbruch entlädt sich über unseren Köpfen. Eine willkommene Abkühlung und Perfect Timing! Hätte der Regen zehn Minuten früher begonnen, hätten wir unsere Rainbow Tour nicht mit diesen wunderbaren Fotos abschließen können.

Zusammen gehen wir zurück zum Queer Home. Die Stimmung ist entspannt und heiter. Es war ein Austesten. Wie sichtbar kann die LGBTIQ-Community in Odessa sein, wie viel Raum darf sie sich nehmen? Das Ziel war es, zusammen Spaß zu haben und eine unterstützende Botschaft in Richtung KyivPride zu schicken.

Berichte und Fotos von Übergriffen gegen LGBTIQ gibt es genug. Wir wollen eine andere Realität!

Es ist ein Balanceakt, die Grenze zu finden zwischen Präsenz und Provokation in einer Gesellschaft, die so stark homophob ist wie die ukrainische. Aber es ist wichtig, an diese Grenzen zu gehen, sonst werden wir unsichtbar. Und wenn wir unsichtbar sind kann die Gesellschaft nicht erfahren, dass wir natürlich ein Teil der Gesellschaft sind und es schon immer waren.

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Montag geht es weiter nach Saporoschje, einer Industriestadt, nicht so weit von der roten Zone, dem Teil des Landes, für das eine Reisewarnung besteht, weil dort gekämpft wird. 15 Stunden werden wir mit dem Zug dorthin brauchen. Wir sind alle gespannt.

[Naomi Lawrence]

Eine Antwort zu “BLOG CREATIVE PROTEST ON TOUR Odessa”

  1. Great!!! This is good stuff! Keep up the good work.
    Cheers, Kathleen

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